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Familiensaga von der Riviera: Es „pilchert“ bei Julia Kröhn

KULTUR


… und dennoch kann RZ-Autorin Susanne Altweger-Minet den Roman der Historikerin guten Gewissens empfehlen.

Blick auf die Altstadt von Sanremo, La Pigna, und die Kirche Madonna della Costa

Zugegeben: ich pflege einen intellektuellen Snobismus. Um Bücher mit einer einzelnen Frau auf dem Cover mache ich normalerweise einen großen Bogen. Zu sehr vermute ich dahinter eine typische Herzschmerzgeschichte. In der „Bunten“ – auch nicht gerade ein intellektuelles Kampfblatt, aber meine bevorzugte Lektüre beim Friseur – entdeckte ich eine Buchempfehlung: „Riviera. Der Traum vom Meer“. Das machte mich neugierig, denn schließlich ist die Riviera mein bevorzugter Lebensraum. Und da die Autorin auf die Spiegel-Bestsellerliste gelangte, folgte bald Band zwei: „Riviera. Der Weg in die Freiheit“.


Mit all meinen Vorurteilen machte ich mich auf die Lesereise und wurde insgesamt angenehm überrascht. Die studierte Historikerin Julia Kröhn ist eine versierte Autorin, sie schreibt routiniert und flüssig. Das Genre der beiden Romane, die mit je über 400 Seiten ordentliche Brocken sind, lässt sich am besten als Familiensaga beschreiben.


Die Protagonisten sind Salome, Tochter eines Reisebürobesitzers in Frankfurt, und ihre Wahlschwester Ornella, die in Sanremo als Kind eines Hotelbesitzers lebt. Durch die Zusammenarbeit des Reisebüros mit dem Hotel können sie jeden Sommer gemeinsam am Meer verbringen und werden engste Freundinnen.



Der erste Band spielt in der Zeit von 1922 bis 1935. Die Wirtschaftskrise unterbricht die Freundschaft. Als die Mädchen sich als Teenager wiedersehen, kommt es zur Entfremdung. Schließlich verlieben sich beide in denselben Mann, Felix, den lebensuntüchtigen, sinistren Sohn eines Hotelbesitzers in der unweit entfernten französischen Grenzstadt Menton. Mit ihm kommt es ebenfalls zur Zusammenarbeit.


Das alles „pilchert“ gewaltig, geschrieben wird über junge Mädchen, die „erblassen“, “erröten“, „den Blick senken“ usw. Aber die Charaktere sind gut eingeführt, und für sonnige Tage am Meer ist das eine angenehme Lektüre.

Nachdem Ornella und Felix eine unglückliche Ehe schließen, kehrt Salome enttäuscht nach Frankfurt zurück. Dort sind bereits die Nazis eingefallen, und als der langjährige jüdische Buchhalter des Reisebüros fliehen müsste, dafür aber kein Geld hat, findet Salome ihre Bestimmung.


Der zweite Band ist deutlich dichter


Im zweiten Teil („Der Weg in die Freiheit“), der von 1938 bis 1945 spielt, nutzt Salome als Fremdenführerin von „Kraft durch Freude“-Reisen nach Italien die Chance, Juden unerkannt zur Ausreise zu verhelfen. Dass sie fließend Italienisch und Französisch spricht, kommt ihr dabei zugute.


Die Handlung beider Bücher lebt von „unserer“ Gegend im Süden. Die Haupt-Schauplätze sind Sanremo und Menton, wo Felix und Ornella ein Hotel führen, in dem sie ebenfalls Juden verstecken. So treffen sich die Protagonisten wieder.


Dass die Autorin eine passionierte Historikerin ist, merkt man an guter Recherche. Das berüchtigte Lager „Les Milles“ bei Aix-en-Provence und natürlich das Emigrantenzentrum der Intellektuellen Sanary-sur-Mer dürfen auch nicht fehlen. Der zynische Felix schließt sich der Résistance an. Gemeinsam und doch allein kämpft das verhinderte Liebespaar um das Leben einer jüdischen Familie.


Der zweite Teil ist deutlich dichter, eine gute Winterlektüre vor dem Kaminfeuer, die man nicht verstecken muss. Am Ende gibt es eine Überraschung – aha, Fortsetzung folgt! Es wird wohl eine Trilogie. Ich werde berichten.



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